Sorry, aber ich begreife es nicht. Und zwar begreife ich beide Seiten nicht. Aber der Reihe nach.
Dirk Olbertz (den ich nicht persönlich kenne) hatte über Jahre einen hervorragenden Dienst namens Blogscout aufgebaut. Die Site hatte viele toll gemachte und durchdachte, fast möchte man sagen: mit Liebe programmierte Features, und sie versuchte, nicht ein alleinseligmachendes Ranking (wie Technorati) unters Volk zu bringen, sondern verschiedene, differenzierte Listen. So gab es eine Liste nach Punkten, eine nach Reichweite, und von der wiederum gab es auf Wunsch der Community eine unter Einbezug der Suchmaschinenbesucher und eine andere ohne. Jeder konnte sich durch seine Lieblingsliste klicken.
Manche nannten das despektierlich “Schwanzvergleich”, aber die meisten fanden gut, dass es sowas gibt. In der deutschsprachigen Blogosphäre war man sich jedenfalls einig: Wenn schon zählen lassen, dann dort.
Und alles sah danach aus, als würde es so weitergehen: Vor einigen Wochen postete Dirk noch über eine Wunschliste für Blogscout 2.0, vor einem Monat verbesserte er den Algorithmus für die Liste der Top-Blogs, und vor drei Wochen zog Blogscout in Sonntagsarbeit auf neue Server um. Hut ab vor so einem Ein-Mann-Projekt!
Umso überraschender traf uns dann heute alle die Meldung, dass Dirk Blogscout per sofort einstellt. In seinem Post Blogscout.de wird geschlossen teilte er mit, dass er alles einstellt, ja praktisch wegwirft. “Am 15. September wird die Datenbank komplett gelöscht, ebenso die vorhandenen Backups.” (…) “Am 30. September werden die Server von Blogscout.de dann ganz geschlossen.” Der Ton lässt keine Missverständnisse zu: Hier soll nicht etwa eine Nachfolgeregelung gesucht werden, sondern beim Rückzug wird alles dem Erdboden gleich gemacht. Verbrannte Erde.
Die Gründe können nicht überzeugen. Ein Dienst, “der nur darauf basiert, angemeldete Blogs zu erfassen und auszuwerten, kann dem Anspruch eines Wegweisers durch die Blogosphäre nicht gerecht werden”. Das mag stimmen. Ist es deswegen ein Grund, es nicht zu versuchen? Der grosse Shell-Deutschlandatlas kann auch dem Anspruch nicht gerecht werden, jede Strasse zu verzeichnen. Der Duden kann – und will – auch nicht alle Wörter verzeichnen. Sollte man deswegen lieber alle Bücher einstampfen?
Natürlich, ich weiss schon, was der Long Tail ist, und ich argumentiere immer vehement für ihn. Aber dass wir erkannt haben, dass der Long Tail wichtig und richtig ist, heisst doch nicht, dass man keine Top-100-Liste mehr machen dürfte. Macht nicht Indie-Musik hören und Independent-Filme gucken gleich doppelt so viel Spass, wenn man weiss, dass man einen erlesenen Geschmack hat, der nicht mehrheitsfähig ist?
Daher verstehe ich die Argumentation nicht, dass man die Bestenliste einstellen muss, weil es mit dem Long Tail nicht klappt. Der Long Tail ist doch gerade so definiert, dass die dortigen Player es nicht in die Top 100 schaffen.
Viele Leute haben sich an diesen Dienst gewöhnt. Nicht nur an die Bestenliste, sondern auch an die Statistik-Funktionen für ihre eigenen Blogs. Haben den Blogscout-Tag eingebaut und deswegen kein anderes Tracking-Tool genutzt. Sie alle verlieren nun, wenn sie nur auf ein Pferd gesetzt habe, ihre gesamte Zugriffs-Geschichte.
Und was kommentiert die Blogosphäre unter Dirks Beitrag? Sinngemäss: “Ich kann Dich gut verstehen, danke für alles, Du bist ein toller Typ.” Kaum ein kritisches Wort dazu, dass man ohne Vorwarnung gleich den Login gesperrt bekommen hat, dass alle Daten gelöscht werden sollen, obwohl die Daten eigentlich auch ein bisschen die von anderen Leuten sind, dass eine Übergabe des Projekts etwa an die Community überhaupt nicht in Betracht gezogen wird, obwohl das eigentlich sehr im Sinne des Ansatzes wäre.
Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidungen in allen Ehren, doch auch die kann man mit einer Übergangsfrist ausstatten. Die über 3000 Nutzer hätten sicher gern wenigstens die Chance gehabt, ihre Daten zu speichern. Man stelle sich vor, G- oder Yahoo- oder Hotmail – auch alles Gratisdienste – würden morgen ohne Vorwarnung den Dienst einstellen und alle Mails löschen. Der Aufschrei wäre so gewaltig wie berechtigt.
Bei allem Respekt vor der Leistung von Dirk: Ein bisschen erinnert mich so ein Abgang immer an Oskar Lafontaine 1998 im März 1999: Ich war wegen irgendwas beleidigt, und da bin ich einfach abgehauen und war für niemanden mehr zu sprechen. Kann man natürlich machen. Ich gebe sogar zu: Würde ich auch manchmal gern machen.
Wir anderen, dagebliebenen, müssen dann aber auch sagen dürfen, wie das rüberkommt: ein bisschen pubertär — oder so, als sei da noch etwas anderes Teil der Motivation.