In den letzten Tagen und Wochen sind mehrere prima Blogposts mit Regeln über Social Media Marketing erschienen, die es verdienen, dass man nicht nur die URL vertwittert.
Der erste heisst: «Die sieben unangenehmen Wahrheiten über Social Media Marketing» («The 7 Harsh Realities of Social Media Marketing») und ist von Sonia Simone im Blog «copyblogger» veröffentlicht worden. (Der andere folgt morgen.)
Ich möchte aus diesem Blogpost meinen Lieblingsabsatz herausgreifen.
«Unangenehme Wahrheit Nr. 7: Du kannst nicht nicht mitmachen.» (Harsh Reality #7: You don’t get to opt out):
Unternehmen denken, sie können diesen ganzen «Twitter-Quatsch» ignorieren, könnten ein unangenehmes Erwachen erleben (als Beispiel wird ein älterer Blogpost über eine Immobilienfirma aus Chicago verlinkt, die eine Mieterin wegen eines kritischen Twitter-Kommentars über Schimmel in der Wohnung verklagte).
Die Unterhaltung findet so oder so statt, mit oder ohne dich (an das Unternehmen gerichtet). Sicher musst Du nicht (und solltest auch nicht) auf jedem Deppen bei Facebook antworten, aber Du solltest ein offenes Ohr haben und ein bisschen Ahnung, was läuft.
Das kann ich aus unserer Erfahrung der letzten Monate voll bestätigen. Ich laufe ja seit über drei Jahren rum und erzähle: Blogs (zuerst) und Social Media (in letzter Zeit) sind wichtig. Ja ja, träum weiter, dachten die Marketingchefs lange, in den USA vielleicht, aber hier doch nicht.
Heute merken sie: Wenn wir es nicht selbst machen, machen es die User selbst, und das ist vielleicht für uns auch nicht besser.
Mein Lieblingsbeispiel der letzten Monate: Dominomania der Migros. Eine der bei Kindern beliebten und bei Eltern gefüchteten Sammelaktionen (pro CHF 20.- Einkauf gab es einen Dominostein, lief im Oktober 2009), die dazu führen, dass man einige Wochen auf kindliche Anweisung nur bei der Migros einkaufen darf. Wobei es diesmal gar nicht so schlimm war, denn die Dominosteine und das Sammelbrett waren sehr schön und wertig gemacht.
Wer sammelt, hat natürlich ein Ziel: seine Sammlung zu vervollständigen. Das geht auf zwei Arten: durch Sammeln von immer mehr Objekten und durch Tauschen. Schauen wir, was passiert ist.
Die Dominomania-Website der Migros ist, nun ja, erstens eine Flash-Katastrophe mit einem unglaublich nervigen Backgroundsound, und zweitens ohne jeden Nutzen für das eigentliche Spiel. Als ich oben den Link «Deine Sammlung» sah, dachte ich (als echte Zielgruppe, nämlich als Vater, dessen vierjähriger Sohn sammelte): Super, dort kann ich tauschen oder zumindest verwalten, was ich habe. Denkste. Man kann online auch nochmal Steine sammeln, indem man Fragen beantwotet, was aber nichts mit der realen Sammlung zu tun hat.
Die Website ist ein Online-Game, ein Quiz mit Fragen zu den Schweizer Kantonen, parallel zum Offline-Game, nämlich dem Sammelspiel. (Was ähnliches gab’s auch nochmal als Facebook-App, genauso nutzlos.) Wieso man das macht, ist mir ein Rätsel – vielleicht für Kinder in abgelegenen Bergdörfern, wo es nur einen «Volg» gibt und die deshalb nicht mitsammeln dürfen? Was ist aber interessanter für einen Vierjährigen? Seine realen Steine (die bei uns echten Kultstatus hatten und haben) oder auf dem PC von Papa etwas rumklicken? Richtig.
Zwar ist die Migros stolz, dass das Spiel Millionen von Malen aufgerufen wurde, siehe «Die Dominomania im Rückblick», aber das ändert nichts daran, dass die wichtigste Funktion fehlte. (Der Satz: «4,5 Millionen Mal wurde das Online-Spiel gespielt und 3,5 Millionen Mal die Fragen des Quiz gelöst.» ist unlogisch, vielleicht aber auch etwas verräterisch: Könnte gut sein, dass die Site öfter aufgerufen wurde als das langweilige olle Flash-Spiel gespielt wurde — weil die Leute genau wie ich zuerst dachten, dort ginge es um etwas anderes. Ich hab natürlich auch zwei, drei Fragen beantwortet und bin damit in der Statistik, aber ich fand’s total öde.)
Der Migros «gehören», wenn man mit Google auf ihren Sites nach «dominomania» sucht, genau 32 Seiten.
Und jetzt kommt’s: Wie viele Seiten wurden dagegen von Usern angelegt? Bitte zuerst schätzen und dann hier klicken für die aktuelle Zahl, sie wächst immer noch.
Faszinierend, oder? 0.1% der Seiten zum Thema sind unter der Kontrolle der Migros, der Rest ist irgendwo. Ricardo schaltet sogar Google-Ads, um auf seine Dominomania-Suche zu verlinken, derzeit laufen 563 Auktionen.
Dabei hätte man das schöne Budget für die doofe Flash-Website (dito für das gleiche bei Facebook) auch prima für eine eigene Tauschplattform unter migros.ch verwenden können. (Die «Tauschplattform» der Migros war: 20 Termine für Tauschbörsen in Migros-Restaurants in der ganzen Schweiz. Gähn.)
Unangenehme Wahrheit Nr. 7: Du kannst nicht nicht mitmachen, Migros. Oder zumindest nicht mit so einem einsnulligen Konzept.