Erkenntnisse eines Bloggers

Wer regelmässig Texte im Web veröffentlicht und dafür Themen recherchiert und reflektiert, lernt viel dazu – auch über das Bloggen selbst. Hier einige der über viele Jahre gesammelten Erkenntnisse und Einsichten von Martin Weigert.

Seit über vier Jahren blogge ich mit Ausnahme von Wochenenden quasi täglich über Netz- und Digitalthemen. Die grösste Motivation dafür beziehe ich aus dem direkten Feedback, das ich nach der Veröffentlichung eines Beitrags von Lesern erhalte, sowie aus dem umfangreichen Wissen, das man sich als regelmässiger Autor aneignet. Denn ich kann sollte keinen Beitrag schreiben, ohne mich zuvor nicht mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben.

Auch über das Bloggen selbst lernt man natürlich einiges. An dieser Stelle möchte ich meine bisherigen Erkenntnisse niederschreiben, was durchaus als ergänzender Beitrag zur anhaltenden Debatte verstanden werden kann, auf welche Weise sich die traditionelle journalistische Tätigkeit im Netz emanzipieren könnte.

Kritiker und andere Meinungen gibt es immer Selbst bei den maximalen Blogosphäre-Konsensthemen (z.B. Netzneutralität, Medienkritik, Politiker-Schelte etc.) und auch, wenn man einen richtig guten Tag hat und ein wahres Meisterstück abliefert, wird es (vor allem bei meinungsstarken Texten) Gegenstimmen und Kritik geben. Erhält ein Beitrag zu einem polarisierenden Thema nur Zuspruch, ist das zwar Balsam für die Seele, aber gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass die eigene Botschaft nur in sehr homogen denkende Kreise vorstösst.

Das richtige Mass an Kritikfähigkeit Es ist nicht immer ganz leicht, Leserkritik richtig einzuordnen. Selbst hinter einem ausfällig-provozierenden Troll-Kommentar kann sich ein konstruktiver Verbesserungsvorschlag verbergen, während es sich bei einer sachlich und höflich hervorgebrachten Kritik um eine absolute Einzelmeinung handeln mag. Eine Faustregel gibt es hier nicht, aber generell halte ich es für besser, Kritik erst einmal grundsätzlich ernst zu nehmen und im Nachhinein Provokationen und grundlose Nörgeleien auszusortieren, anstatt negatives Feedback pauschal zu ignorieren. Wer also Blogger oder Journalist nicht kritikfähig ist, der hat im Web ein Problem.

Jeder macht Fehler Fehler sind zwar nicht schön, aber sie passieren. Geschieht dies, kann ich mich darauf verlassen, dass Leser per Kommentar, Tweet oder E-Mail darauf hinweisen. In diesen Momenten darf man sich ruhig über sich selbst ärgern, sollte aber gleichzeitig die Tatsache schätzen, dass auf die eigene Community Verlass ist.

Der Leser weiss mehr Wenn 1000 Menschen einen Blogbeitrag von mir lesen, kann ich mir sicher sein, dass sich darunter zumindest einige Personen befinden, die tiefer in der von mir beleuchteten Thematik stecken als ich. Die Fähigkeit zur Demut und die Einsicht der eigenen Unvollkommenheit sind daher meines Erachtens nach eine Voraussetzung für erfolgreiche publizistische Arbeit im Netz.

Das Feedback, das man erhält, ist nur die Spitze des Eisbergs Es kommt häufig vor, dass ich Menschen treffe, die netzwertig.com kennen und es nach eigener Aussage auch regelmässig lesen, von denen ich jedoch noch nie einen Kommentar, Retweet etc gesehen habe. Nur die wenigsten Leser beteiligen sich aktiv an der Diskussion oder Weiterverbreitung der Inhalte. Natürlich spricht nichts dagegen, Wege zu finden, um das Engagement der User zu erhöhen. Grundsätzlich muss man sich mit dieser Tatsache aber einfach abfinden.

Artikelideen kommen spontan – oder in der Dusche Manchmal ist meine Liste mit Artikelideen gespickt mit Themen, die ich alle am liebsten sofort in einem Posting verarbeiten möchte. Und manchmal herrscht dort gähnende Leere. Ich versuche, rund um die Uhr für Inspirationen offen zu sein und Einfälle in dem Augenblick zu notieren, in dem sie auftauchen (was häufig während des Lesens anderer Texte geschieht). Ein Ort, an dem mir schon sehr viele Ideen für Blogbeiträge kamen, ist übrigens die Dusche.

Die eigenen Standpunkte weiterentwickeln und hinterfragen Ein guter Blogger verfügt in meinen Augen über klare Standpunkte und vermeidet “quotengetriebenen” Opportunismus. Auf der anderen Seite halte ich es aber für genauso wichtig, die eigene Haltung und Meinung regelmässig und auch im Hinblick auf das externe Feedback zu hinterfragen. Autoren, die über einen längeren Zeitraum den Eindruck erwecken, unbeirrbar zu sein und ihre Perspektiven nicht weiterzuentwickeln, lassen eigenes Entwicklungspotenzial ungenutzt.

Besser Bloggen mit Herzblut Die besten Blogger sind nach meiner Erfahrung diejenigen, die mit Herzblut dabei sind und die es nach zwei Tagen der publizistischen Pause kaum erwarten können, wieder in die Tasten zu hauen.

Kein täglicher Blick auf die Besucherzahlen Qualitatives Feedback der Leser, die sich hier oder anderswo im Netz über Artikel äussern, hat für mich als Blogger mehr Gewicht als quantitative Rückmeldungen, also Seitenaufrufe, Page Impressions usw. Auch wenn derartige Metriken natürlich nicht unwichtig sind – besonders im Hinblick auf eine eventuelle Vermarktung – so kann der alleinige Fokus auf die Zugriffszahlen dazu führen, dass man nur noch für die Quote schreibt. Wie das dann aussieht, zeigt exemplarisch das US-Blog Mashable.

Der Leser, das unbekannte Wesen Selbst nach über vier Jahren geschieht es, dass ein Beitrag, für den ich mit einer hohen Aufmerksamkeit gerechnet habe, scheinbar überhaupt keinen Anklang findet. Oder aber dass ich eher spontan und mit vergleichsweise wenig Mühe einen Text zusammenschustere, der dann hinsichtlich der Reaktionen zündet wie eine Rakete. Auch wenn es gewisse Arten von Postings gibt, bei denen es unter Garantie zu grosser Resonanz kommt (z.B. “10 Gründe, warum Social Media XYZ ist”), ist der Leser in vielen Fällen ein schwer vorhersehbares Wesen. Auch das macht Blogging vermutlich so faszinierend.

(Illustration: http://jollyblogger.typepad.com/)

Martin Weigert

Martin Weigert ist Redaktor (u.a. Leitung netzwertig.com)

 

In dieser Serie

doggdogg

Übers Bloggen: Das Blog als Lehrmeister

15.04.2014 – Das Paradoxe am Lernen ist, dass man es oft gar nicht mitbekommt, wenn man sich neues Wissen aneignet. Da hilft es manchmal zurückzublicken und zu vergleichen. Da fällt mir ein: Wie habe ich eigentlich gelernt, ins Internet zu schreiben und warum ist das eine gute Sache? » weiterlesen

Texte, die von Google gefunden werden

10 Tipps für suchmaschinenoptimierte Texte

30.11.2011 – Texte im Web schreibt man für den Leser. Ideal ist, wenn man danach die Texte für Google & Co. etwas zurechtmacht. Markus Groiß von Namics zeigt wie. » weiterlesen

wiesagichsmeinemleser

Wie sag ich’s meinem Leser?

23.11.2011 – Nehmen wir an, Ihr habt alles richtig gemacht: Einen qualifizierten Entscheid fürs Bloggen getroffen, Ziele gesetzt, Ressourcen definiert und einen Redaktionsplan erstellt. Aber wie schreibt man denn nun für ein Blog? » weiterlesen

2 Kommentare

  1. mmemichi sagt:

    Ich kann die verschiedenen Aussagen und Erfahrungen als Blogger nur bestätigen und diesen Artikel mit gutem Gewissen unterschreiben. Mir kommen übrigens nicht besonders viele Ideen beim Duschen, sondern eher dann, wenn ich müde im Bett liege oder im ÖV. Gleiche Erfahrungen mache ich auch beim Feedback. Leider weiss ich nicht, wer meinen Blog (regelmäßig) liest, aber ich erhalte ab und zu im Gespräch mit Leuten Lob für meinen Blog, obwohl diese noch gar nie im Blog kommentierten. Das Herzblut gehört meiner Meinung nach auch unbedingt dazu, sonst macht bloggen schnell keinen Spass mehr.

  2. Martin sagt:

    Wer bloggt, bleibt!

    Martin, schöne Zusammenfassung, die ich an zahlreichen Stellen bestätigen kann. Der Seitenhieb in Richtung Mashable und der Punkt “Leser, das unbekanntes Wesen” erhält einen Daumen hoch. Teile diese Erfahrung und Ansicht… Eine Frage stellt sich mir aber immernoch. Muss Blogvermarktung reformiert werden? Offen für einen Gastbeitrag…

Schreiben Sie einen Kommentar

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

Pflichtfelder
OK
Bitte geben Sie Ihren Namen ein.
OK
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.
OK
Bitte geben Sie einen korrekte Website ein.
OK
Bitte geben Sie einen Kommentar ein.