Unsere Weltwahrnehmung: Serendipity lebt!

Die oft gehörte Behauptung, das Internet führe zu einer verzerrten Weltwahrnehmung ist Quatsch: Der Mensch ist heute breiter informiert und mehr Reizen ausgesetzt als je zuvor. Aber es steht und fällt immer mit dem Menschen und seiner Mediennutzung.

Miriam Meckel weist darauf hin und auch in Diskussionen höre ich es immer wieder: Das Internet hat das zufällige Entdecken getötet. Serendipität, eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, sei im Internet nicht möglich.

Zwei Argumente hört man:

1. Die einen sagen, man findet nur das, was man sucht, zufälliges Stolpern über Staunenswertes ist nicht mehr möglich.

2. Die anderen meinen, dass Algorithmen uns in eine Filter Bubble befördern, die uns nur noch das servieren, was wir haben wollen.

Beide behaupten: Das Internet befördert einen Bias in der Weltwahrnehmung. Ich behaupte: Beides trifft nicht zu. Und zwar aus den folgenden Gründen.

Zufälliges Entdecken ist Bestandteil unserer Webnutzung

Behauptung 1 hat einen Menschen vor Augen, für den das Internet immer bei Google anfängt. Ich habe ein konkretes Informationsbedürfnis, also werfe ich die Suchmaschine an, und die liefert mir zurück, was meine Frage beantwortet. Andere Nutzungsarten fallen weg, das Internet als Medium für fast alles findet hier nicht statt: Die Zeit auf Facebook vergessen, sich von Video zu Video hangeln, Chatten, sich von einem zufälligen Wikipedia-Artikel den Hyperlinks entlang hangeln – alles Fehlanzeige.

Jeder, der schon einmal mit Stumbleupon die Zeit vergessen hat, weiss: Die Geschichte vom Webnutzer mit einem steten Suchbegriff im Kopf ist eine Mär. Zufälliges Entdecken, eben das Stolpern über etwas Wertvolles, ist expliziter Bestandteil dieses Art, das Internet zu nutzen.

Der Vergleich zu früher ist wichtig

Das führt nahtlos zu Punkt 2: Wenn es also möglich ist, über Neues, Staunens- und Wissenswertes zu stolpern, dann muss das ja noch nicht heissen, dass dem keine Verzerrung innewohnt. Vielleicht staune ich immer über die gleichen linksliberalen Künstler oder bewege mich nur im Milieu von Menschen, die finden, kein Mensch sei illegal.

Mag sein, dass der Kreis von Menschen, von denen ich meine Inhalte erhalte, nicht repräsentativ ist. Mag sein, dass Algorithmen herausfinden, was ich mag, und mir davon noch mehr servieren.

Aber, erstens: War es denn schon irgendwann mal anders? Hat sich ein Mensch früher denn breiter informieren können? Ist weniger in Gefahr gelaufen, sich einseitig zu informieren? Vor dem Internet hatten wir unseren Freundes- und Bekanntenkreis, und wir haben gewisse Medien konsumiert, damit wir wussten, was auf dieser grossen runden Kugel passiert.

Und jetzt? Jetzt haben wir wieder unseren Freundes- und Bekanntenkreis – der sich über das Internet viel effizienter verwalten lässt – und wir haben Medien; die sich genau so selektiv konsumieren lassen wie früher. Wenn ich will, lese ich auch heute nur noch den Leserwitz im Blick. Oder den Sportteil. Oder das Feuilleton in der Neuen Zürcher Zeitung.

Der Hyperlink rückt Inhalte näher zusammen

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Max interessiert sich für Politische Philosophie. Prä-Internet geht er in die Bibliothek und leiht sich das Buch «Einführung in die Politische Philosophie». Geschrieben von einem Professor in dem Fachgebiet – mit einer klaren politischen Meinung, die ab und an durchschlägt. Trotzdem: Als Einführung ist das Buch toll. Max sieht Verweise, will von vorne anfangen, und muss für gewisse Passagen wieder in die Bibliothek. Wo Plato gerade ausgeliehen ist.

Heute steigt man im Internet ein. Zum Beispiel auf Wikipedia. Wo sich viele Menschen darauf einigen, was denn einen Artikel über Politische Philosophie ausmachen soll. Und von da aus geht es weiter. Teils werden Bücher verlinkt, die immer öfter aber auf Knopfdruck abrufbar sind. Oder über Weblinks. Das Internet hat über den Hyperlink Inhalte näher zusammengerückt.

Filter Bubble ist immer auch Fahrlässigkeit des Medienkonsumenten

Wohnt dieser ganzen Konstellation das Potenzial inne, sich einseitig zu informieren? Natürlich. In unserem Beispiel hat das Max selbst in der Hand. Die Voraussetzungen für eine umfassende Information – mit Überraschungselementen – sind jedoch heute um einiges besser als früher. Darum verstehe ich die Aufregung um den Filter Bubble nicht.

Denn: Wir waren schon immer eingebunden in unser soziales Umfeld und in eine Medienwelt. Jetzt haben wir vielleicht ein paar Freunde mehr auf Facebook und Informationen sind über den Hyperlink näher bei uns. Dass uns aber Algorithmen oder eine Filter Bubble die Welt zum schlechten verzerren – dazu gehört immer auch eine gute Portion Absicht oder zumindest Fahrlässigkeit des Medienkonsumenten. Wer sich einseitig informieren will, konnte das immer und wird das immer können. Das Internet hat daran nichts geändert.

 

Pingbacks

  1. [...] Den ganzen Artikel gibt’s im Blogwerk-Blog: Unsere Weltwahrnehmung: Serendipity lebt! [...]

Schreiben Sie einen Kommentar

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

Pflichtfelder
OK
Bitte geben Sie Ihren Namen ein.
OK
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein.
OK
Bitte geben Sie einen korrekte Website ein.
OK
Bitte geben Sie einen Kommentar ein.