Netzwerke: Online, offline, einerlei

connectWir schreiben das Jahr 2013 und immer noch gibt es einige gängige Trugschlüsse über moderne Kommunikationsformen, die sich hartnäckig halten. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist beispielsweise der nahezu unvereinbare Gegensatz von «Internet» und «Richtigem Leben».

Vor kurzem bin ich über eine Headline bei 20min.ch gestolpert: «Facebook & Co sind schlechte Job-Vermittler». Social Media spielen bei Jobsuche und Recruiting heute keine Rolle, heisst es – das persönliche Netzwerk indes sei sehr wichtig. Kurz darauf hörte ich die fast identische Aussage an zwei verschiedenen Anlässen von den dortigen Referenten, diesmal im Hinblick auf Akquise und Verkauf: Vielleicht, in ferner Zukunft, würden diese digitalen Netzwerkplattformen noch wichtig werden. Vorderhand seien es jedoch die persönlichen Beziehungen, auf die es zu fokussieren gelte.

In die gleiche Kategorie fällt die häufig gehörte Aussage, man wolle keinen Facebook-Account, man habe ja schliesslich «echte Freunde». Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht der Meinung, jede und jeder müsse sich unbedingt auf den gängigen Social Media-Plattformen tummeln, sicher gibt es auch gute Gründe, sich dagegen zu entscheiden. Aber der genannte ist es leider nicht. Das ist einfach so kurz gedacht, dass es mich zugegebenermassen schon fast ein bisschen ärgert.

Was bestimmt den Wert von Kontakten?

Deshalb lasst es mich hier einfach mal sagen: Eure Kontakte auf Twitter, Facebook oder sonstwo, eure Blogleser, wenn Ihr denn bloggt – sie alle SIND ein Teil eures persönlichen Netzwerks, zu vielen davon habt Ihr genau diese wichtige persönliche Beziehung. Natürlich: Teenager im jugendlich pubertierenden Passföteli-Sammelalter, die Tausende von unbekannten Kontakten ansammeln, werden da kaum in diese Richtung profitieren können. Aber das ist ein entwicklungsbedingter Umstand, der auf die wenigsten Leser hier zutreffen dürfte.

Ja, vermutlich haben wir nicht mit all unseren Twitter-Followern im Sandkasten gespielt oder sind mit allen Facebook-Freunden zur Schule gegangen. Aber das war doch schon immer so: Freunde und Bekannte finden wir in allen möglichen Situationen und Zusammenhängen. Im Wesentlichen bilden wir mit unseren Netzwerken im Internet unsere bestehenden Beziehungen ab – und manchmal treffen wir aufgrund gemeinsamer Bekannter oder Interessen eine neue Person. Warum all diese Verbindungen weniger real sein sollen als ein paar Minuten Small Talk beim Apero vom Gewerbeverband, will mir einfach nicht in den Kopf.

Nicht Orte sind wichtig, sondern Menschen

Ich plädiere deshalb für ein anderes, überarbeitetes Verständnis von persönlichen Netzwerken: Online und offline sind heute keine Qualitätsmerkmale mehr, sondern lediglich noch eine Ortsangabe. Wenn Ihr offline interessante Menschen trefft, vernetzt Euch online, es vereinfacht es auf lange Sicht, in Kontakt zu bleiben. Wenn Ihr online interessante Menschen trefft, freut Euch – und trefft Euch doch einfach beim nächsten passenden Anlass und trinkt mal ein Bier zusammen. Und bis in ein paar Jahren wird es hoffentlich nicht mehr nötig sein, dass man bei einer Umfrage wie der eingangs erwähnten den Punkt «Social Media» vom eigenen Netzwerk trennt.

Eine Lektüreempfehlung zum Thema: Der Sieg der schwachen Verbindungen von Thomas Knüwer

Karin Friedli

Karin Friedli ist Senior Account Manager bei der Blogwerk AG.

 

8 Kommentare

  1. bei den off- und onlinekontakte gibt es ja auch immer eine schnittmenge und so können diese kontakte ja ach noch intensiever gepflegt werden.

  2. Marco Dick sagt:

    Julia Angwin, Journalistin beim Wall Street Journal, publizierte gestern zu diesem Thema einen lesenswerten Beitrag: “Why I’m unfriending you on #Facebook.” http://juliaangwin.com/wh…ing-you-on-facebook/

  3. Da frage ich mich immer wer heute noch solche Referenten an Veranstaltungen einlädt und sprechen lässt. Erstaunlich und befremdend!

  4. Karin Friedli sagt:

    @rittiner & gomez Ja, das ist sicher richtig. Meine These ist irgendwie auch, dass diese Schnittmenge eben häufig grösser ist, als den meisten bewusst ist.

    @Wilfried In zumindest einem von den beiden Fällen kann ich ziemlich sicher sagen, dass es wohl anders gemeint war, als es rüberkam. Aber eben: Es wird immer noch so gesagt, also kommt es auch so an. ;-)

  5. Karin Friedli sagt:

    @Marco Ein lesenswerter Text, vielen Dank fürs Teilen.

    Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir wirklich dasselbe Thema behandeln. Julias Schwerpunkt im Text, nämlich die Frage der Privatsphäre, wirft ja wieder ganz andere Fragen auf. Puh, darüber könnte ich gleich wieder einen neuen Artikel schreiben… sollte ich vielleicht, ich notiere mir das. ;-) Merci schon mal für den Input!

  6. Marco Dick sagt:

    @Karin Worauf ich anspielen wollte:

    Ein m.E. gewichtiger Unterschied zwischen On- und Offline-Netzwerken ist das Mass des persönlichen Einflusses auf die Art, Dauer und Intensität einer Interaktion und nicht so sehr der (normalerweise und auch von Thomas Knüwer) betonte Unterschied zwischen schwachen On- und starken, aber aufwändigen Offline-Verbindungen.

    Julia Angwin bringt dieses “Dilemma” auf den Punkt: “In real life, even if I am friends with someone, I don’t necessarily want to join their book group or cooking group etc. But on Facebook, my friends can join me to a group without my permission, and my membership in that group is automatically made public.”

    Privacy, Integrity und Security sind deshalb sehr wohl Aspekte, die Off- und Online-Netzwerke situativ unterschiedlich wertig erscheinen lassen.

  7. @Marco

    Ja, das dachte ich mir schon, dass es um diese Passage ging. Die Sache ist die: Julia Angwin behandelt mit ihrem Text aus meiner Sicht nicht eine unterschiedliche Wertigkeit von Verbindungen on- oder offline, sondern schlicht die teilweise Andersartigkeit von Interaktionen, aus der sie – durchaus legitim – ihre Konsequenzen zieht.

    Du schreibst, das seien Aspekte, welche die beiden Netzwerkformen «situativ unterschiedlich wertig erscheinen lassen». Ich denke, da hast Du Recht. Die Tatsache, dass man sie situativ unterschiedlich wahrnehmen mag, bedeutet jedoch nicht, dass sie alleine durch diesen Umstand weniger wertig sind.

    Ich finde übrigens auch nicht, dass Thomas Knüwer die von Dir angesprochene Unterteilung in online=schwach und offline=stark macht. Er sagt lediglich, dass das Netz zahlreiche unserer schwachen (und durchaus offline vorhandenen) Verbindungen sicht- und nutzbar macht. Die meisten Verbindungen zwischen zwei Menschen sind ja überdies nicht unbedingt konstant, sondern unterliegen häufig einem gewissen Wandel.

    Aber ich glaube, wir sind gar nicht so weit weg voneinander, wir konzentrieren uns wohl einfach auf unterschiedliche Aspekte der Sache. ;-)

  8. Danke für diesen Artikel, den ich aus eigener Erfahrung genauso bestätigen kann. Ich staune oft selber, wie lebendig und in gewisser Weise auch real, sich die virtuellen Begegnungen gestalten. Meine These ist, dass man das erlebt haben muss, um es nachfühlen zu können.

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